Nicht aufgeben: Unser Weg mit all unseren Blockaden

Ich möchte dir heute eine kleine und ganz persönliche Geschichte erzählen, weil ich ab und an mit verzweifelten Pferdebesitzern ins Gespräch komme, die stark verunsichert sind und knapp davor, alles hinzuschmeißen. Weil es vielleicht ein Trainer gesagt hat, oder die sichtbaren Fortschritte, der Pfeffer im Hintern fehlen – oder es ist zu viel Pfeffer da. Aber nun zu unserer Geschichte vom Reitplatz und der fehlenden Motivation in diesem Arbeitsumfeld.

Gemeinsam gehen wir diesen Weg und wachsen an unseren Erlebnissen. Foto: Haflinger Austria

Gemeinsam gehen wir diesen Weg und wachsen an unseren Erlebnissen. Foto: Haflinger Austria

„Die stärksten Menschen sind nicht die, die immer gewinnen. Es sind die, die niemals aufgeben!“

Sissy hatte viele Blockaden am Reitplatz. Sie hat ihn erstens nicht als Arbeitsplatz aufgenommen und zweitens hatten wir eine gemeinsame schlechte Trainererfahrung am Reitplatz gemacht. Die damalige Stunde war zu intensiv mit zu viel Galopp für Sissy und auch für mich zu fordernd, zu verurteilend und streng. Geendet hatte sie in einer buckelnden Sissy und einem durchnässten Pferdemädchen. Nach dieser Erfahrung fiel es uns schwer, uns einerseits mit dem Reitplatz anzufreunden und andererseits uns auf einen Trainer einzulassen und hier Vertrauen zu fassen. Also gingen wir erstmal eine Zeit lang ausschließlich ins Gelände, bauten ein Schutzschild um uns auf und unternahmen eigene Versuche am Reitplatz, aber wie bereits erwähnt konnte Sissy damit nicht viel anfangen und wollte sich hier kaum bewegen, obwohl sie im Gelände gern und flott unterwegs war. Beim Vorbesitzer wurde sie am Reitplatz von Kindern geritten und es fehlte der Bezug zur motivierten Arbeit in diesem Umfeld.

Was hat Zirkustraining eigentlich mit unseren Blockaden zu tun? Foto: Haflinger Austria

Was hat Zirkustraining eigentlich mit unseren Blockaden zu tun? Foto: Haflinger Austria

Wir stellen uns unseren Blockaden

Unser Vertrauen zueinander ist riesig. Das war es schon immer. Ich hab diesem Pferd von Anfang an voll und ganz vertraut und sie mir. Wir sind gemeinsam bei Schnee und Eis am Boden gelegen, ein Flugzeug hat uns überflogen und ist wenige hundert Meter vor uns gelandet, wir haben einen zweitägigen Wanderritt absolviert und haben unzählige brenzlige Situationen gemeistert – und noch viel mehr tolle Momente erlebt. Also vertraute ich darauf, dass wir es gemeinsam schaffen und unsere Blockaden lösen. Nun begaben wir uns auf die Suche nach einem Trainer. Hier wurden wir erstmal abgewiesen und Sissy leider in eine Schublade gesteckt. Aber wir gingen unseren Weg und wurden fündig. Kurz dazu: Ich kann an dieser Stelle nur darauf appellieren, andere Meinungen zwar ernst zu nehmen, aber immer zu hinterfragen. Es ist wichtig, dass eine gute Arbeitsatmosphäre herrscht, in der an das Pferd und an sich selbst geglaubt wird. Ich mag Trainer mit Feingefühl, die ohne Vorurteile an mich und mein Pferd herangehen, die Ruhe ausstrahlen und rhetorisch dazu in der Lage sind, zu korrigieren und zu erklären. Dabei ganz wichtig: Ein guter Trainer holt dich und dein Pferd dort ab, wo ihr gerade steht. Zu hohe Erwartungen sind dabei völlig kontraproduktiv.

Aber nun wieder zurück zur Geschichte: Erst galt es, uns beide wieder für den Reitplatz zu begeistern. Die ersten Schritte begannen mit leichten Zirkuslektionen. So war es uns möglich, den Spaß in den Vordergrund zu stellen und spielerisch an uns zu arbeiten. Wir nahmen dies beide sehr gut an, sind daran gewachsen und haben unterschiedliche neue Tricks einstudiert, aber auch an Problemverhalten wie Futtermanier und Schnapptraining gearbeitet. Genau diesen Schritt brauchte Sissy, um den Reitplatz als „Spaßplatz“ kennenzulernen und ich brauchte ihn auch, denn so schaffte ich es, wieder Vertrauen in andere Trainer bzw. dritte außenstehende Personen zu fassen. Danach ging es aufwärts und plötzlich war das mit den Trainern alles kein Problem mehr und der Reitplatz für Sissy nicht mehr negativ besetzt.

Unsere nächste Etappe: Die Bodenarbeit macht uns Spaß! Foto: Haflinger Austria

Unsere nächste Etappe: Die Bodenarbeit macht uns Spaß! Foto: Haflinger Austria

Da wir es nun richtig angehen wollten, haben wir mit vielen Einheiten in Sachen Bodenarbeit und Kommunikation begonnen. Wir haben uns intensiv damit beschäftigt. Zu Beginn machten wir äußerst kleine Fortschritte, aber es hat uns IMMER Spaß gemacht. Wertgeschätzt wurde jeder noch so kleine Erfolg. Wir erfreuten uns an unserer neuen Aufgabe.

„Es ist wie es ist. Wir nehmen uns so wie wir sind und setzen uns nicht unter Druck, weil irgendwas nicht so ist, wie es vielleicht sein sollte.“

Mit dieser Einstellung und einer Extraportion Zeit und Fleiß haben wir es bis zur Freiarbeit geschafft. Wir konnten innerhalb von 1-2 Jahren solche Fortschritte erleben, die wir uns nie im Traum auch nur ansatzweise gedacht hätten. Das Schöne ist: Ich habe mir von der Bodenarbeit eigentlich gar nicht viel erwartet. Bin völlig ohne Erwartung hinein gegangen und konnte wirklich zusehen, wie Sissy aufblüht. Ohne Seil und ohne Halfter zu arbeiten und uns beide Schritt für Schritt weiterzuentwickeln ist und war für uns das Größte. Der nächste Grundstein und unser nächstes Ziel war das Reiten, das wir parallel zur Bodenarbeit in Angriff nahmen. Die Bodenarbeit hat dafür die ideale Basis geschaffen, Sissy konnte die Hilfen vom Boden in den Sattel transferieren und verstehen. Ich war sehr erfreut über unsere Fortschritte in der Bahn, dass Sissy hier nicht galoppieren wollte, habe ich akzeptiert und nicht weiter darüber nachgedacht. Ich wollte uns diesbezüglich keinen unnötigen Druck aussetzen und nichts erzwingen.

„Sissy überrascht mich völlig unerwartet mit einem Galopp in der Bahn. Für mich das wundervollste Geschenk überhaupt!“

Meistens passiert es genau dann, wenn man es gar nicht erwartet. Foto: Haflinger Austria

Meistens passiert es genau dann, wenn man es gar nicht erwartet. Foto: Haflinger Austria

Für viele nichts besonders, für uns ein großer Meilenstein: Sissy überraschte mich mit einer Tour im Galopp – natürlich noch sehr unkoordiniert und ganz und gar nicht perfekt, aber sie hat es von sich aus angeboten. Dies wurde natürlich gleich belohnt und seither sind wir schon des Öfteren im Galopp über den Platz gedüst. Wir haben uns unglaublich über diesen Fortschritt gefreut, der völlig unerwartet einfach so passiert ist. Wir sind dankbar, dass wir immer an uns geglaubt haben, uns nie von unserem Weg abbringen ließen und, dass wir die richtigen Menschen in unser Herz gelassen, auf sie gehört und die anderen hinterfragt und einfach ignoriert haben. Langsam bereitet es Sissy auch unterm Reiter im Arbeitsumfeld „Platz“ immer mehr Freude und das ist eine tolle Basis, auf der wir gerne weiterarbeiten. Wir sind unfassbar stolz auf Sissy, dass sich so viele Blockaden in ihrem Kopf gelöst haben. Gemeinsam sind wir gewachsen und auch ich habe es in den letzten Jahren geschafft, mich nach unserer damaligen viel zu intensiven Reitstunde wieder Trainern gegenüber zu öffnen. Letztendlich kann ich nur sagen: Ich bin wirklich dankbar für jeden einzelnen unserer Schritte und hoffe, dass wir auch in Zukunft noch viele solcher Schritte und Meilensteine miteinander erleben können.

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5 Kommentare

  1. Claudia Schiller

    Ich kann das nur voll und ganz unterschreiben.
    Auch bei mir und meiner Stute Sahara war der Galopp immer der absolute Horror. Ich war verunsichert durch einen Sturz vor Jahren im Abteilungsgalopp auf einem Schulpferd und sie war gerade angeritten und hatte noch überhaupt keine Balance für den Galopp.
    Unsere damalige RL hatte da so gar kein Verständnis für und sagte lediglich jede Woche, ich MÜSSE galoppieren und solle halt mit der Gerte drauf hauen, wenn sie nicht will.
    Erst seit letztem Herbst habe ich die perfekte RL gefunden, die auch uns dort abgeholt hat, wo wir waren.
    Inzwischen galoppieren wir auch , es ist nicht perfekt, aber ich traue mich und Sahara bemüht sich. Galopp kann wunderschön sein…
    Ich habe eine Facebook Seite für Sahara und versuche, ähnlich wie ihr, andere Menschen zu bestärken, ihren Weg zu gehen und nicht aufzugeben.

    Weiter so 😊

  2. Habe zufällig Deine Seite gefunden. Danke für den informativen Text.
    Es ist schön, dass Du mit Deinem Haflinger so positive Erfahrungen und Ausbildungsentwicklungen machen konntest/kannst.

    Vllt hast Du einen Tip für mich, wie ich mit der Tatsache umgehen kann, dass mein Kleiner (4 jährig und wegen Unhändelbarkeit/gefährlich von seiner Vorbesitzerin abgegeben wurde) umgehen kann.

    Sein Problem ist, dass er so ziemlich alles ignoriert, was Mensch von ihm verlangt. Er drängelt, man versucht ihn von der Pelle zu bekommen mit allem Möglichen, Seil, Gerte, sich groß machen und drauf zugehen – nichts hilft.

    Im Gegenteil, er kommt auf einen zu. Böse ist er nicht, aber sehr bestimmend. Die Vorbesitzer haben in den Anfängen seiner Ausbildung bis zum Abwinken ihm im Roundpen gejagt, was zur Folge hat, dass er das nicht mehr mit sich machen lässt und ganz klare Grenzen für sich setzt.

    Was das Händling natürlich um so schwieriger macht, weil er mit der Zeit gelernt hat, dass er damit durchkommt, wenn er nur sehr beständig auf den Menschen am Boden zugeht.

    Er muß damit wohl auch so manchen Trainer in die Flucht geschlagen haben.

    Tja und jetzt habe ich dieses „Goldstück“ und bin Ratlos.

    Vllt hast Du eine Idee. Würde mich freuen.

    Viele Grüße,
    Petra

    • Astrid Ferner

      Liebe Petra, ich denke, dass er Zeit und Geduld braucht und klare Regeln. Auch ich dachte ich werde nie die richtigen Menschen finden, die mir wirklich helfen können. Es war schwer, Trainer zu finden, die uns mit Ruhe aus der „Verweigerung“ herausgeholfen haben. Lass euch Zeit, sei ruhig, aber dennoch konsequent im Umgang, erwarte nicht zu viel und geh ohne negative Gedanken an die Sache heran – als würdest du ihn gar nicht kennen. versuch die Gedanken auch bei dir aus den Kopf zu bekommen und versuch auch du herzensgute Trainer zu finden, die ohne Vorurteile an die Sache herangehen. Er hat bestimmt negative Erfahrungen mit zu viel Druck durch Menschen machen müssen, wie meine Sissy. Damit geht jedes Pferd anders um, die einen „verweigern“ die andern schalten auf „Abwehr“. Ihr schafft das da raus! Glaub an euch! Woher kommt ihr denn? Vielleicht kann ich euch ja wen in der Nähe empfehlen. Seid kreativ und offen für neue Wege.

      • Danke für Deine Antwort.
        Um ehrlich zu sein, ich bin kein großer Fan von Trainern. Ich hatte schon ein Paar vor Ort, die mir empfohlen wurden und … außer Spesen nichts gewesen …

        Deshalb versuche ich mich selber.
        Was mich nur so frustriert, ich bin selber aus dem Pferdesport und habe neben meinen eigenen Pferden viele Jahre beruflich mit Pferden gearbeitet.

        Und da kommt so ein Haflinger und vermittelt mir, dass ich eigentlich gar nichts weiß, gar nichts kann und überhaupt, wenn ich ehrlich bin, lacht der mich aus – unglaublich.

        Momentan hat er mir meinen linken Fuß geschrottet. Zum Glück ist nichts gebrochen, aber ehrlich, so langsam wird mir die Sache mulmig. Dennoch mag ich ihn und versuche mich weiter, aber versuchen ist eben auch nicht so gut, weil auch er dann wieder Karten bekommt, die in gewinnen lassen.

        Ein Teufelskreis, wie mir scheint.

        Na, ich werde mal gucken. So ganz aufgegeben habe ich noch nicht, aber eine Lösung muß her, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

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